Überblick
Der monatliche Blick auf den Entsorgungsnachweis gehört für Druckereibetreiber zu den ernüchterndsten Momenten. Randbeschnitt, Makulaturbogen, unverkäufliche Überauflagen – Lkw um Lkw wird abtransportiert, gewogen, abgerechnet, abgehakt. Das ESG-Narrativ hat das in den letzten Jahren hübsch als „Recyclingquote“ verpackt. Am Kern ändert das nichts: Altpapier ist ein Kostenfaktor, kein Vermögenswert
Neben dem klassischen Papierrecycling gibt es jedoch noch andere Verwertungswege
In der Materialforschung wird derzeit ein Verfahren erprobt, bei dem deponiebedrohtes Altpapier mittels hydrothermaler Karbonisierung (HTC), Zugabe von Lignin und anschließender Niedrigtemperatur-Aktivierung in kohlenstoffreichen, funktionalen Hydrochar (Hydrokohle) umgewandelt wird [1]. Hier wird das Papier nicht wieder zu Brei aufgelöst und geschöpft, sondern die Zellulosestruktur direkt zerlegt und zu einem Kohlenstoffmaterial neu arrangiert
Wie weit ist diese Technologie von der industriellen Praxis entfernt? Und lohnt es sich, das Thema schon heute im Blick zu behalten?

Was passiert bei der hydrothermalen Karbonisierung und worin liegt der Unterschied zum Papierrecycling?
Der entscheidende Unterschied lautet: Das klassische Papierrecycling bewahrt die „Faser“, die hydrothermale Karbonisierung bewahrt den „Kohlenstoff“
Das Recycling in der Papierfabrik zielt darauf ab, Länge und Festigkeit der Papierfasern zu erhalten, damit daraus erneut Papier geschöpft werden kann. Daher reagiert dieser Prozess extrem empfindlich auf Verunreinigungen. Druckfarben, Dispersions- oder UV-Lacke, Folienkaschierungen und Verbundmaterialien mindern den Wert drastisch. Genau deshalb sind die am aufwendigsten veredelten Druckprodukte im Entsorgungsalltag der Druckerei oft das größte Problem
Die hydrothermale Karbonisierung funktioniert genau umgekehrt. Unter hohem Druck und hoher Temperatur im wässrigen Milieu werden die organischen Strukturen der Biomasse aufgebrochen und neu geordnet. Das Resultat ist ein fester, kohlenstoffreicher Hydrochar. Forschungsarbeiten wenden diesen Prozess gezielt auf Altpapier an, das ansonsten auf der Mülldeponie landen würde, und verbessern die funktionellen Eigenschaften des Endprodukts durch die Zugabe von Lignin und eine Niedrigtemperatur-Aktivierung [1]. Das Zielmaterial ist also kein gut recycelbares Standardpapier, sondern genau jene Fraktion, die sonst niemand mehr haben will
Aus Sicht der Industrie ergänzen sich beide Wege bei den Rohstoffen: Hochwertiges Altpapier geht weiterhin in die Papierfabrik, während die durch Druckfarben und Veredelungen „kontaminierten“ Abfälle, die kein Recycler mehr annimmt, der ideale Einsatzstoff für Kohlenstoffmaterialien sind
Wofür lässt sich Hydrochar nutzen und warum wird Lignin zugesetzt?
Der praktische Nutzen von Hydrochar beruht auf seiner Porenstruktur und seiner Oberflächenchemie. Einfach gesagt: Das Material kann Stoffe hervorragend an sich binden
Einschlägige Studien untersuchen bereits die Redox-Eigenschaften von Hydrochar und vergleichen Produkte aus unterschiedlichen Ausgangsstoffen wie Lignin, Zellulose oder D-Xylose im Hinblick auf ihr Bindungsverhalten gegenüber Schwermetallen wie Zink [3]. Dieser Strang zielt auf Adsorptionsmittel, Wasseraufbereitung und Umweltsanierung – überall dort, wo die Materialoberfläche gezielt mit Schadstoffen interagieren muss
Andere Forschungsarbeiten treiben Hydrochar in noch anspruchsvollere Anwendungen: Mithilfe von tief eutektischen Lösungsmitteln (Deep Eutectic Solvents) werden Lignozellulose-Abfälle zu pyrolysierten Hydrochar-Mikroblumen verarbeitet, die zur Peroxomonosulfat-Aktivierung dienen, während das Lignin parallel in Carbon Dots für den Nachweis von Fe³⁺ umgewandelt wird [5][6]. Vom Adsorptionsmittel über Katalysatoren bis hin zu Sensormaterialien zeichnet sich hier eine klare Wertschöpfungsleiter ab
Dass Lignin gezielt beigemischt wird, liegt nach meiner Einschätzung daran, dass seine aromatische Grundstruktur dem Endzustand von reinem Kohlenstoff chemisch deutlich näher ist als Zellulose. Das steigert theoretisch die Kohlenstoffausbeute und die Funktionalität des Endprodukts. In Druckabfällen ist Lignin ohnehin in variabler Menge enthalten – je höher der Holzstoffanteil des Papiers, desto mehr Lignin. Für Fachleute aus der Papierindustrie ist das fast paradox: Bei der Papierherstellung ist Lignin ein Störfaktor, den man aufwendig entfernt, weil er vergilbt und den Weißgrad senkt; bei Kohlenstoffmaterialien wird es dagegen zum wertvollen Aktivposten. Dieselbe Substanz erfüllt in zwei unterschiedlichen Verfahren diametral entgegengesetzte Rollen
Zur Klarstellung: Hierbei handelt es sich um materialwissenschaftliche Grundlagenarbeiten. Das bedeutet keineswegs, dass es für Druckabfälle bereits kommerzielle Großanlagen gibt. Die publizierten Arbeiten bewegen sich derzeit auf der Ebene von Labor- und Prozessparameter-Studien [1][3][5]

Wann wird das für Druckereien zur wirtschaftlichen Realität?
Auch wenn diese Technologie kurzfristig noch nicht flächendeckend im Markt ankommt, lohnt es sich, schon heute die Erfassung der eigenen Papierabfälle umzustellen
Die technische Machbarkeit ist nur eine Voraussetzung. Ob sich solche Verfahren industriell durchsetzen, entscheidet sich meist an der Neuausrichtung von Regulierung und Infrastruktur – ein bekannter Mechanismus in der Transformationsforschung. Studien zeigen, wie grundlegende Infrastruktursysteme (Infrasystems) auf Nachhaltigkeitsziele umgelenkt werden müssen [4], und analysieren politische Steuerungsinstrumente, die industrielles Handeln in Richtung Nachhaltigkeit lenken [2]. Beide Ansätze beschreiben dasselbe Phänomen: Damit eine neue Technologie wirtschaftlich greift, müssen Logistik-, Sortier-, Bepreisungs- und Regulierungssysteme synchron mitziehen
Für Druckereien gilt: Die heutige Altpapierlogistik ist voll auf das Papierrecycling zugeschnitten. Es wird gewogen, gemischt verladen und nach Altpapiersorten pauschal vergütet. Dieses Schema ignoriert völlig, wie viel Lignin im Papier steckt, welche Druckfarben verwendet wurden oder ob eine Kaschierfolie aufliegt. Für den Weg zu Kohlenstoffmaterialien sind genau das jedoch die Variablen, die den Rohstoffwert bestimmen
Der entscheidende Frühindikator ist daher nicht, wer zuerst HTC-Reaktoren anschafft, sondern ob die Altpapierpreise beginnen, nach chemischen Materialeigenschaften zu differenzieren. Sobald Vergütungen nach Faserursprung oder Veredelungsgrad gestaffelt werden, sind am Markt Abnehmer aufgetaucht, für die die genaue Zusammensetzung zählt
Was lässt sich jetzt tun? Drei pragmatische, kostengünstige Schritte
Für die betriebliche Praxis empfehlen sich drei Schritte mit minimalem Aufwand:
・Abfallströme digital erfassen. Trennen Sie bei der Erfassung mindestens Randbeschnitt, Makulatur und kaschierte bzw. lackierte Abfälle nach Gewicht und Mengenanteil. In den meisten Betrieben landet heute alles auf einer gemeinsamen Waage. Wer diese Daten nicht erfasst, hat später keine Verhandlungsbasis für alternative Verwertungswege
・Zellstoff- und Holzstoffanteile dokumentieren. Holzstoffhaltige Papiere (mit hohem Ligninanteil) besitzen für Kohlenstoffmaterialien einen anderen Wert als reine Zellstoffpapiere. Diese Information liegt im Einkauf ohnehin vor, wird aber selten bis in die Abfallerfassung durchgereicht
・Schwer recycelbare Abfälle als eigene Kostenposition führen. Folienkaschierte Bogen, Verbundstoffe und UV-Lackabfälle sind heute reine Kostenverursacher. Sollten künftig Verwerter für Kohlenstoffmaterialien auf den Markt treten, ist genau diese Fraktion der erste Kandidat für eine Wertumkehr
Selbst falls sich die Kohlenstoffroute nicht flächendeckend durchsetzt: Diese Daten schaffen sofortigen Nutzen für das betriebliche Abfallmanagement und die CO₂-Bilanzierung
Fazit: Bewertung und Anwendungsgrenzen
Nach meiner Einschätzung befindet sich die Verwertung von Druckabfällen zu funktionalen Kohlenstoffen derzeit im Stadium der „Materialmechanismus-Forschung“ und noch nicht in der „industriellen Anwendung“. Die Fachliteratur belegt, dass dieser Pfad real existiert und systematisch erforscht wird [1][3][5]. Zwischen Laborparametern und stabilen Lieferketten stehen jedoch drei Hürden: Sammellogistik, Kostenstrukturen und regulatorische Rahmenbedingungen [2][4]. Für Unternehmen geht es jetzt nicht um Investitionen in Anlagen, sondern um den Aufbau sauberer Materialdaten
Diese Bewertung gilt primär für mittlere bis große Druck- und Verpackungsbetriebe mit kontinuierlichem Abfallaufkommen und einem hohen Anteil an schwer recycelbaren Veredelungen. Wer geringe Papiermengen verarbeitet oder fast sortenreine Abfälle hat, die Papierfabriken problemlos abnehmen (etwa ungestrichenes Offsetpapier mit geringem Farbauftrag), fährt mit dem bestehenden Recyclingweg bereits optimal und muss nichts anpassen. Zudem gilt: Sollten künftige Ökobilanzen zeigen, dass der Energiebedarf des HTC-Prozesses die Einsparungseffekte zunichtemacht, muss die Gesamtbewertung neu kalibriert werden. Eine vollständige Lebenszyklusanalyse (LCA) speziell für Druckabfälle fehlt in der aktuellen Fachliteratur bislang – hier liegt eine klare Forschungslücke

Kompakt zusammengefasst
Hydrothermale Karbonisierung (HTC) und Papierrecycling verfolgen gegensätzliche Ziele: HTC gewinnt Kohlenstoff, die Papierfabrik Fasern. Daher sind stark veredelte Abfälle, die für Papierfabriken unbrauchbar sind, der ideale Rohstoff für Kohlenstoffmaterialien
Forschungsarbeiten belegen die Umwandlung von Deponie-Altpapier mittels HTC, Ligninzugabe und Niedrigtemperatur-Aktivierung zu funktionalem Hydrochar – derzeit auf Laborniveau, noch nicht im industriellen Maßstab
Das Anwendungsspektrum von Hydrochar reicht von Adsorptionsmitteln über Katalysatoren bis zu Sensormaterialien, basierend auf Porenstruktur und Oberflächenchemie
Lignin ist in der Papierherstellung ein unerwünschter Störstoff, bei der Kohlenstoffgewinnung dagegen ein wertsteigernder Faktor – derselbe Inhaltsstoff besitzt in beiden Wegen ein umgekehrtes Wertvorzeichen
Der verlässliche Frühindikator für einen Marktdurchbruch sind nicht Anlagenkäufe, sondern nach Inhaltsstoffen differenzierte Altpapier-Ankaufspreise
Weiterführende Gedanken
Für die Druckproduktion liegt der eigentliche Hebel nicht im Maschinenpark, sondern in den Daten. Altpapier wird heute als eindimensionales Massengut nach Gewicht vergütet. Sobald Abnehmer auftreten, denen es auf die Inhaltsstoffe ankommt, wird die Bepreisung mehrdimensional (Faserursprung, Farbtyp, Veredelungsgrad). Ein solches Modell setzt entsprechende Datenfelder und Erfassungsroutinen in ERP- und MES-Systemen voraus – ein Schritt, der sich sofort und unabhängig von externer Anlagentechnik umsetzen lässt. Für das Design wirft das eine bisher kaum diskutierte Frage auf: Wenn Abfälle künftig nach Inhaltsstoffen getrennt verwertet werden, wird die Wahl einer bestimmten Veredelung zum Kriterium dafür, in welchem Verwertungskanal der Abfall landet. Die gängige Diskussion um nachhaltiges Design verharrt bisher in der simplen Ja/Nein-Entscheidung „recycelbar oder nicht“ und ignoriert solche differenzierten Kaskaden. Für KI und SaaS-Lösungen liegt hier ein klarer Ansatzpunkt: Die Zuordnung von Abfallfraktionen stützt sich heute meist auf Erfahrungswerte an der Schneidemaschine. Dabei enthalten digitale Betriebsaufträge bereits alle Angaben zu Papiersorte, Farbdeckung und Veredelungsschritten. Diese Auftragsdaten automatisiert auf die Materialeigenschaften der Abfälle zu mappen, ist eine reine Datenintegrationsaufgabe, für die die Rohdaten längst vorliegen. Drei offene Fragen bleiben: Eine vollständige Ökobilanz für HTC mit Druckabfällen steht noch aus; das Verhalten von Druckfarben und Beschichtungen im HTC-Prozess (mögliche problematische Nebenprodukte) ist in der Literatur nicht gezielt untersucht; und der Aufbau wirtschaftlicher Anreize für eine getrennte Logistik ist letztlich eine regulatorische und keine rein technische Frage
Literaturverzeichnis
[1] Bera, Rao, Sarker (2027). Hydrothermal carbonization of landfill-bound paper waste with lignin incorporation and low-temperature activation for carbon-rich functional hydrochars. Biomass and Bioenergy. DOI: 10.1016/j.biombioe.2026.109944
[2] Redirecting Government Policies for Agricultural Sustainability. Crisis and Opportunity. DOI: 10.2307/j.ctt1dgn4cr.22
[3] Effect of Heavy Metal (Zn) on Redox Property of Hydrochar Produced from Lignin, Cellulose, and d-Xylose. DOI: 10.1021/acssuschemeng.7b00204.s001
[4] Kaijser A. (2017). Redirecting Infrasystems Towards Sustainability. Individual and Structural Determinants of Environmental Practice. DOI: 10.4324/9781315252377-7
[5] Review for "Deep eutectic solvent-assisted dual valorization of waste distillers' grains-derived lignocellulose: pyrolyzed hydrochar microflowers-supported peroxymonosulfate activation and lignin carbon dots-aided Fe3+ detection". DOI: 10.1039/d4en00407h/v2/review1
[6] Review for "Deep eutectic solvent-assisted dual valorization of waste distillers' grains-derived lignocellulose: pyrolyzed hydrochar microflowers-supported peroxymonosulfate activation and lignin carbon dots-aided Fe3+ detection". DOI: 10.1039/d4en00407h/v1/review1
FAQ
- Lassen sich Druckereiabfälle in Kohlenstoffmaterialien umwandeln?
- Forschungsarbeiten zeigen, dass ein gangbarer technischer Pfad existiert. In Studien wurde deponiebedrohtes Altpapier mittels hydrothermaler Karbonisierung (HTC), Ligninzugabe und Niedrigtemperatur-Aktivierung zu kohlenstoffreichem, funktionalem Hydrochar verarbeitet. Das Verfahren befindet sich allerdings noch im Labor- und Prozessparameterstadium; kommerzielle Produktionskapazitäten für Druckabfälle gibt es bislang nicht
- Worin unterscheidet sich die hydrothermale Karbonisierung (HTC) vom klassischen Papierrecycling?
- Beim Papierrecycling geht es um den Erhalt von Faserlänge und Faserfestigkeit, weshalb Druckfarben und Kaschierungen stören. Die HTC zielt dagegen auf den Kohlenstoffgehalt und spaltet die organische Struktur auf, um Hydrochar zu bilden. Die Anforderungen an das Ausgangsmaterial sind gegenläufig: Stark veredeltes Altpapier, das die Papierfabrik ablehnt, eignet sich für die Kohlenstoffroute besonders gut
- Welche Einsatzbereiche gibt es für Hydrochar?
- Bisherige Studien weisen auf Adsorptionsmittel, Wasseraufbereitung und Umweltsanierung hin (Nutzung der Porenstruktur und Oberflächenchemie zur Bindung von Schwermetallen und Schadstoffen) sowie auf anspruchsvollere Anwendungen wie Katalysatoren zur Peroxomonosulfat-Aktivierung und Carbon Dots zur Erkennung von Metallionen
- Welche Vorbereitungen sollten Druckereien heute treffen?
- Drei pragmatische Schritte mit geringem Kostenaufwand: Erfassen Sie Randbeschnitt, Makulatur und kaschierte Abfälle getrennt nach Gewicht; halten Sie Angaben zu Zellstoff- und Holzstoffanteilen in den Stammdaten fest; und führen Sie schwer recycelbare Abfälle als separate Kostenposition. Diese Daten nützen auch sofort dem bestehenden Abfallmanagement und CO₂-Audits
- In welchen Fällen ist dieser Verwertungspfad nicht relevant?
- Bei geringen Abfallmengen oder sehr homogenen, unbedruckten bzw. schwach bedruckten Papieren (z. B. holzfreies Offsetpapier), die von Papierfabriken problemlos abgenommen werden, bleibt das klassische Papierrecycling die beste Option. Die Kohlenstoffroute richtet sich vor allem an mittlere und große Druck- sowie Verpackungsbetriebe mit kontinuierlichem Anfall schwer recycelbarer Makulatur
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