Verschoben auf Januar 2027, aber keines der Probleme ist verschwunden
Das EPR-System für gewerbliche Verpackungen, also Extended Producer Responsibility beziehungsweise erweiterte Herstellerverantwortung, wird in Europa je nach Land in unterschiedlichem Tempo umgesetzt. In Frankreich etwa sollte die REP-Regelung (Responsabilité Élargie du Producteur, erweiterte Herstellerverantwortung für gewerbliche Verpackungen) ursprünglich am 1. Juli 2026 in Kraft treten. Die zuständige Behörde hat den Start auf den 1. Januar 2027 verschoben. Viele Betriebe haben erleichtert aufgeatmet. Nur kam diese Erleichterung zu früh
Der Grund für die Verschiebung zeigt bereits das eigentliche Problem: Die rechtliche Definition des „Inverkehrbringers“ (placer on the market) war bis zur Bekanntgabe der Verschiebung nicht geklärt. Genau daran hängt, ob das ganze EPR-System sauber funktionieren kann. Solange das nicht eindeutig ist, stehen Gebührentabellen und Meldesysteme auf einem wackligen rechtlichen Fundament
Ein weiterer Punkt ist ebenfalls noch offen: Die neuen EPR-Gebühren sollen voraussichtlich erst im September 2026 veröffentlicht werden. Für Betriebe, die ihre Kosten genau kalkulieren wollen, heißt das: Noch zwei Monate warten, erst dann lassen sich die Zahlen wirklich in die Rechnung einsetzen
Diese Zeit ist wertvoll. Vorausgesetzt, jemand nutzt sie wirklich
Der einzige handfeste Vorteil der Verschiebung ist, dass Betriebe vor Veröffentlichung der Gebührensätze ihre Materialdaten ordnen und einen Prozess zur Datenerfassung aufbauen können. Sobald die Sätze da sind, lassen sich die Zahlen einsetzen und die Kosten schnell abschätzen. Wer dann erst merkt, dass die Daten gar nicht abrufbar sind, steht sehr schlecht da

Wer ist eigentlich der „Inverkehrbringer“? Und warum bereitet diese Frage der ganzen Lieferkette Kopfschmerzen?
Die Kostenverantwortung unter EPR liegt bei der Partei, die das Verpackungsmaterial rechtlich gesehen „in den Markt bringt“. Das Problem: Von der Herstellung bis ins Regal sind bei einer Faltschachtel mindestens vier bis fünf Akteure beteiligt. Kein Schritt steht für sich allein
Nehmen wir die häufigste Lieferkette für Faltschachteln als Beispiel:
・Die Druckerei kauft Kartonmaterial beim Vorlieferanten ein und übernimmt Druck, Stanzformung und Klebeverarbeitung
・Der Markeninhaber beauftragt die Druckerei mit der Produktion und führt die fertigen Verpackungen anschließend seiner eigenen Abfülllinie zu
・Der Markeninhaber oder ein Lohnhersteller füllt das Produkt in die Schachtel und gibt es dann an Händler oder gewerbliche Kunden weiter
In den meisten Fällen ist rechtlich der Markeninhaber der „Inverkehrbringer“, während die Druckerei lediglich eine Verarbeitungsdienstleistung erbringt. Sobald es aber um Private-Label-Produkte geht, also Produkte von Unternehmen A unter Marke B, um ausgelagerte Importverpackungen oder bestimmte Sonderverträge für individuelle Verpackungsleistungen, wird diese Linie deutlich unschärfer
Der häufigste Denkfehler in Druckereien lautet: „Wir verarbeiten nur, die rechtliche Verantwortung liegt bei der Marke.“ In den meisten Fällen stimmt das. Aber „meistens“ ist nicht „immer“. Wenn die Vertragsklauseln der Druckerei an irgendeiner Stelle faktisch die Rolle des Inverkehrbringers geben, kann die rechtliche Bewertung kippen. Solche Grauzonen fallen oft erst im Nachhinein auf
Ein offiziell genannter Grund für die Verschiebung des Inkrafttretens ist genau diese ungeklärte Definition. Das heißt: Es liegt nicht daran, dass die Betriebe es nicht verstehen. Die Regelung selbst ist noch nicht sauber ausformuliert. Bevor sie das ist, kann eine Druckerei aber bereits jetzt etwas tun: die wichtigsten bestehenden Kundenverträge herausholen und prüfen, ob dort eindeutig steht, wer die EPR-Meldepflicht übernimmt
Fehlt die Klausel, jetzt ergänzen. Ist sie vorhanden, aber schwammig formuliert, jetzt präzisieren
Wie wurde die Druckerei zum Rückverfolgungspunkt bei Markenprüfungen?
Wenn Marken ihre EPR-Meldung einreichen, besteht eine der Kernaufgaben darin, für alle Verpackungsmaterialien die Materialzusammensetzung und die jährlichen Gewichtsangaben vorzulegen. Die Primärquelle für diese Daten liegt fast immer bei der Druckerei
Ein mittelgroßer Markeninhaber arbeitet möglicherweise gleichzeitig mit mehr als zehn Druckereien zusammen, die Verpackungen mit unterschiedlichen Grammaturen, Konstruktionen und Oberflächenveredelungen herstellen. Kann die Druckerei keine strukturierten Materialdaten liefern, bleibt der Marke nur Schätzen oder das mühsame Nachfragen bei jedem einzelnen Lieferanten. Sobald Prüfungsdruck entsteht, wird aus dieser Nachfrage eine formale Datenanforderung, meist mit extrem kurzem Zeitfenster
Aus meiner langjährigen Arbeit mit Verpackungsbetrieben ist klar: Das Problem ist nicht, dass die Daten nicht existieren. Sie sind verstreut. Auf den Produktionsunterlagen einer Druckerei stehen Materialangaben meist irgendwo. Aber sie liegen verteilt in Angeboten, Bestellungen und Fertigungsaufträgen, jeweils in anderen Formaten. Daraus entsteht keine saubere „Zusammenfassung der Materialzusammensetzung für diese Charge“. Unter Prüfungsdruck schnell suchen, ordnen und einreichen? Dafür ist es dann schlicht zu spät
Das ist kein reines Regulierungsproblem. Es ist ein Problem der täglichen Prozessführung. EPR macht daraus nur aus „unsere Datenverwaltung ist etwas unordentlich“ eine „Datenlücke mit rechtlichen Folgen“

Was lässt sich in sechs Monaten tun? Drei Dinge können sofort starten
Die Gebührensätze kommen erst im September. Die Definitionen werden vielleicht noch angepasst. Es klingt also, als sei noch nichts wirklich sicher. Aber die Option „Wir können gar nichts tun“ gibt es in dieser Phase nicht
Diese drei Dinge brauchen keine externe Bestätigung:
・Verantwortlichkeit in jedem wichtigen Kundenvertrag klären: Schriftlich festhalten, wer für diese Verpackungscharge der EPR-Inverkehrbringer ist. Fehlt eine solche Klausel im Vertrag, jetzt ergänzen. Gibt es eine Klausel, die aber schwammig formuliert ist, jetzt präzise nachschärfen. Später darüber zu streiten kostet deutlich mehr, als sich jetzt einen halben Tag Zeit für die Vertragsprüfung zu nehmen
・Materialdaten modular erfassen: Für jeden SKU oder jeden Fertigungsauftrag vier Felder anlegen: Substratart, etwa GC-Karton, Kraftpapier oder PP, Grammatur oder Dicke, Oberflächenveredelung, etwa Mattfolie, Glanzfolie oder UV-Lack, und ob schwer trennbare Bauteile enthalten sind, etwa Magnetverschluss, Heißfolienprägung oder Aluverbund. Das Format muss nicht kompliziert sein. Excel reicht für den Anfang. Entscheidend ist, dass bei jeder Produktion jemand ausfüllt, jemand pflegt und daraus ein abrufbarer Datensatz entsteht
・Mit vorhandenen Daten ein Gebührenszenario durchspielen: Vor Veröffentlichung der Gebührensätze im September lassen sich die Jahresproduktionsdaten bereits nach Materialkategorien sortieren und die ungefähre Gewichtsverteilung je Kategorie abschätzen. Sobald die Gebührentabelle da ist, können die Zahlen eingesetzt und die Compliance-Kosten grob berechnet werden. Dann muss die Preisanpassung nicht lange warten
Diese drei Aufgaben haben keine technische Einstiegshürde. Schwierig ist nur die Managemententscheidung: beschließen, zuständig machen, wirklich umsetzen
Die Gebührensätze stehen noch nicht fest. Lassen sich Compliance-Kosten trotzdem vorab erkennen?
Exakt nicht. Die Richtung aber schon
EPR-Gebühren werden nach Materialkategorien berechnet. Je schwieriger ein Material zu recyceln ist, desto höher fällt der Satz in der Regel aus. Manche Systeme gewähren Rabatte für recyclingfreundliches Verpackungsdesign. Noch bevor die offiziellen Gebührensätze veröffentlicht werden, lässt sich eine Gruppe fast sicher als Hochkostenbereich erkennen: mehrlagige Verbundstrukturen, etwa Aluverbund-Flexverpackungen, und starre Schachteln mit schwer trennbaren Komponenten, etwa Magnetdeckel oder starke Heißfolienveredelung. Man muss nicht auf die Gebühren warten, um diese Risiken zu identifizieren
Ein sinnvoller Schritt jetzt: Verpackungstypen mit hohem Gebührenrisiko auflisten und Kunden frühzeitig darauf hinweisen, dass solche Konstruktionen zusätzliche Compliance-Kosten auslösen können. Wer früh kommuniziert, hat später eine Grundlage. Sobald die Gebühren im September erscheinen, wirkt die Preisanpassung nicht wie ein Überfall, sondern wie die erwartbare Konsequenz
Ein weiterer Schritt gehört schon in die Musterphase: „EPR-gebührenfreundliches Design“ in die Materialauswahl aufnehmen. Wenn die Funktion nicht leidet, sind Verpackungen aus Monomaterial oder mit kreislauffähiger Konstruktion nicht nur compliancefreundlicher, sondern können unter künftigen Gebührenmodellen auch kostenseitig wettbewerbsfähiger sein. MINDS bietet Beratung zur Materialauswahl für individuelle Verpackungen und kann bereits in der Musterphase helfen, Verpackungsaufbau und Compliance-Richtung einzuschätzen. Bei konkretem Bedarf kann direkt angefragt werden

Kurz Zusammengefasst
・EPR tritt erst im Januar 2027 in Kraft. Die beiden Kernfragen, Definition des Inverkehrbringers und Gebührensätze, sind aber weiter offen. Die Uhr läuft
・Druckereien werden aus einem einfachen Grund zum Rückverfolgungspunkt bei Prüfungen: Marken brauchen Materialdaten für ihre Meldung, und die Primärquelle dieser Daten liegt in der Druckproduktion
・Die Gebührensätze werden erst im September veröffentlicht. Vorher Materialdaten modular aufzubauen, ist trotzdem die einzige Investition, die sicher nicht verschwendet ist
・Wenn im Kundenvertrag nicht eindeutig geregelt ist, wer als EPR-Inverkehrbringer verantwortlich ist, ist eine Ergänzung jetzt deutlich einfacher als ein Streit im Nachhinein
・Mehrlagige Verbunde und Verpackungen mit Bauteilen aus Fremdmaterial sind Hochrisikoartikel für höhere Gebühren. Die möglichen Kosteneffekte gehören schon in der Musterphase auf den Tisch
Weitergedacht
Wenn Kunden taiwanischer Druckereien Waren nach Großbritannien oder Kontinentaleuropa exportieren, geraten die Verpackungen früher oder später in diese Datenrückverfolgungskette. Nicht weil die taiwanische Druckerei rechtlich automatisch der Inverkehrbringer wäre, sondern weil der Markeninhaber bei der Vorbereitung der Meldedaten zuerst bei ihr anfragt
Die praktischsten nächsten Schritte sind zwei einfache Fragen:
・Erstens: Wie viele Ihrer Kundenverpackungen gehen in den europäischen Markt, und können Sie deren Materialspezifikationen innerhalb eines Tages abrufen?
・Zweitens: Vereinbaren Sie mit dem Einkauf oder den Verpackungsingenieuren dieser Kunden ein Gespräch. Klären Sie, ob sie ihre EPR-Meldung bereits vorbereiten und welche Materialdaten Sie dazu liefern können
Diese beiden Fragen jetzt zu stellen ist deutlich stabiler, als erst nach einer Prüfungsmitteilung loszulaufen
Weiterführende Lektüre
FAQ
- Was haben EPR-Vorschriften mit Druckereien zu tun? Ist die Meldepflicht nicht Sache der Markeninhaber?
- Die EPR-Meldepflicht liegt tatsächlich beim Markeninhaber. Für die Meldung braucht die Marke aber Angaben zur Materialzusammensetzung und zum Gewicht der Verpackung. Die Primärquelle dieser Daten ist die Druckerei. Sobald eine Marke geprüft wird, führt die Datenrückverfolgung zur Druckproduktion. Deshalb sollten Druckereien ihre Materialaufzeichnungen aktiv strukturieren
- EPR wurde bereits auf 2027 verschoben. Muss man sich jetzt trotzdem sofort vorbereiten?
- Die Verschiebung verlegt nur den Starttermin von Juli 2026 auf Januar 2027. Die Regelung selbst ist nicht aufgehoben. Die Gebührensätze sollen voraussichtlich im September 2026 veröffentlicht werden. Wer danach Kosten schnell kalkulieren und Angebote anpassen will, muss die Materialdaten jetzt ordnen. Sonst reicht die Zeit im September nicht mehr
- Was bedeutet „Inverkehrbringer“ (placer on the market)? Und warum sollte eine Druckerei das interessieren?
- Der „Inverkehrbringer“ ist die Partei, die Verpackungsmaterial rechtlich in den Markt bringt. Auf dieser Partei liegt die EPR-Kostenverantwortung. In den meisten Fällen ist die Druckerei nicht der Inverkehrbringer. Bei Private-Label-Produkten, ausgelagerten Importverpackungen oder speziellen Vertragskonstruktionen kann die Verantwortlichkeit aber in eine Grauzone rutschen. Betriebe mit unklaren Vertragsklauseln geraten später am leichtesten in Streit
- Wie sollte eine Druckerei mit dem Aufbau eines Materialdatensystems anfangen?
- Ein komplexes IT-System ist nicht nötig. Excel reicht für den Anfang. Pro Fertigungsauftrag sollten vier Felder erfasst werden: Substratart, Grammatur oder Dicke, Oberflächenveredelung und ob Bauteile aus Fremdmaterial oder schwer trennbare Konstruktionselemente enthalten sind. Entscheidend ist nicht ein perfektes Format, sondern dass bei jeder Produktion jemand ausfüllt, jemand pflegt und daraus ein dauerhaft abrufbarer Datensatz entsteht
- Werden EPR-Gebühren für mehrlagige Verbundverpackungen besonders teuer?
- Nach der Logik von EPR-Systemen sind Materialien mit höherem Recyclingaufwand in der Regel teurer. Manche Systeme geben Rabatte für recyclingfreundliches Design. Die offiziellen Gebührensätze sollen voraussichtlich im September 2026 veröffentlicht werden. Mehrlagige flexible Verbundverpackungen, etwa Aluverbundbeutel, sowie starre Schachteln mit Magnetverschluss oder starker Heißfolienprägung lassen sich aber schon jetzt als Hochrisikoartikel einstufen und sollten bereits in der Muster- oder Materialauswahlphase mit dem Kunden besprochen werden
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